Leonard Schmedding von Everlast AI hat ein sehenswertes Ranking veröffentlicht: 14 Geschäftsmodelle, mit denen man heute mit Künstlicher Intelligenz Geld verdienen kann – ehrlich sortiert von Flop bis Top. Die Einordnung ist praxisnah, klar begründet und auf den deutschsprachigen Markt gemünzt. Wir nehmen sie zum Anlass, dieselben 14 Wege noch einmal durch eine zweite Brille zu betrachten: die der digitalen Souveränität und der ehrlichen Machbarkeit für den Mittelstand. Wichtig vorweg: Dem Ranking fehlt nichts – es beantwortet seine Frage („Womit lässt sich Geld verdienen?") vollständig. Wir stellen nur eine zweite Frage daneben: „Und wem gehören dabei die Daten?" Es ist derselbe Gegenstand, nur ein anderer Blickwinkel – und das Ergebnis ist erstaunlich oft Zustimmung, an einigen Stellen aber eine andere Gewichtung.
1. Worum es im Original geht
Das Video „Die 14 Wege mit KI Geld zu verdienen (auch als absoluter Anfänger)" (31:44 min, veröffentlicht am 6. Juni 2026) stammt von Leonard Schmedding, Mitgründer von Everlast AI – nach eigener Darstellung der führende deutschsprachige YouTube-Kanal zu KI im Geschäftskontext und zugleich eine der marktführenden KI-Beratungs- und Implementierungsagenturen im DACH-Raum, staatlich zugelassener Bildungsträger inklusive. Diese Praxis-Perspektive merkt man dem Beitrag an: Statt vager „Passiv-Einkommen"-Versprechen bewertet Schmedding jedes Modell entlang von drei nüchternen Achsen – Profitabilität, Konkurrenzsituation und Langlebigkeit.
Das ist die Stärke des Videos, und es ist fair, das vorab zu würdigen: Wer wissen will, womit sich im KI-Dienstleistungsmarkt 2026 tatsächlich Geld verdienen lässt, bekommt hier eine ungeschönte, erfahrungsgesättigte Landkarte. Genau deshalb lohnt es sich, sie ernst zu nehmen – und weiterzudenken.
2. Schmeddings Einordnung im Überblick
Schmedding rankt nicht streng von 1 bis 14, sondern sortiert die Modelle in vier Stufen. Zusammengefasst:
- Top: KI-Beratung & Audits · KI-App-Entwicklung · Corporate-LLM-Setups · KI-Videoerstellung · Personal-AI-Assistants für Geschäftsführer
- Gut: KI-Voice-Agents · RAG- & Wissensmanagement-Systeme · Workflow-Automatisierung · (Bonus) Microsoft-Copilot-Tuning
- Mittel: KI-Copywriting · KI-Webdesign
- Flop: Faceless YouTube-/TikTok-Kanäle · KI-Trading-Bots · KI-E-Commerce-Shops · Website-Chatbots
Wer genau hinsieht, erkennt ein Muster: Schmeddings „Top"-Liste deckt sich fast deckungsgleich mit dem eigenen Angebotsportfolio von Everlast (KI-Beratung über kiberatung.de, eine Agentic-Coding-Masterclass, die KI-Videoagentur „Cinetic AI", eine Partnerschaft im Corporate-LLM-Bereich). Das ist kein Vorwurf – im Gegenteil: Wer ein Geschäftsmodell selbst täglich umsetzt, kann es am glaubwürdigsten beurteilen. Man sollte die Liste nur als das lesen, was sie ist: die sehr fundierte Sicht eines Anbieters, der genau diese Spitzen-Modelle verkauft. Eine zweite, unabhängige Perspektive schadet da nicht.
3. Die zweite Brille: zwei zusätzliche Achsen
Schmeddings drei Achsen bewerten ein Geschäftsmodell aus Sicht des Anbieters: Was bringt es mir, wie viele machen es schon, wie lange trägt es? Das ist vollständig und richtig – für die Frage „Womit verdiene ich Geld?". Wir legen zwei weitere Achsen daneben, die aus Sicht des deutschen Mittelstands und aus FL-Pro-Perspektive den Ausschlag geben. Sie ersetzen Schmeddings Blick nicht, sie schauen nur von der anderen Seite auf dieselben 14 Modelle:
Achse 1 – Souveränität & Datenhoheit. Schafft das Modell Wert auf einer Infrastruktur, die der Kunde selbst kontrollieren kann – oder vertieft es die Abhängigkeit von US-Frontier-Tools? Das ist 2026 keine ideologische Frage mehr, sondern eine Risiko-Frage. Und sie ist feiner, als sie klingt: Die „EU-Region" eines US-Anbieters (AWS, Google, Microsoft) liegt zwar physisch in Europa, unterliegt aber als US-Konzern weiterhin dem US CLOUD Act – also potenziellem US-Behördenzugriff. Daten-residenz (Serverstandort) ist damit nicht dasselbe wie Daten-souveränität (Schutz vor fremdem Zugriff). Die Datenhoheit reicht von „US-Cloud (nur bedingt DSGVO-konform)" über die „EU-Region eines US-Anbieters" und die echte „Sovereign Cloud" europäischer Betreiber bis zu „On-Premise / lokales Modell – kein Byte verlässt das Haus, konform by design". Und es gibt inzwischen ernstzunehmende europäische Bausteine: Mistral (Large 3 / Medium 3.5, DSGVO-konform hostbar, 30–50 % günstiger als die US-Anbieter), das Fraunhofer-Projekt OpenGPT-X / Teuken-7B (auf allen 24 EU-Amtssprachen, on-prem einsetzbar), Aleph Alpha sowie lokale Engines wie Ollama.
Achse 2 – Ehrliche Einsteiger-Machbarkeit. Der Titel verspricht „auch als absoluter Anfänger". Diese Versprechung halten wir gegen die Realität jedes einzelnen Modells. Denn die wahrhaftig profitablen Wege verlangen fast durchweg echte Fachtiefe – das ist kein Widerspruch zu Schmedding, aber eine Präzisierung, die Einsteiger vor Frust bewahrt.
Dazu kommt ein Punkt, der bewusst jenseits der reinen Geschäftsmodell-Frage liegt – und den Schmedding für seinen Zweck zu Recht nicht vertieft: die Compliance. Ab dem 2. August 2026 greift Artikel 50 des EU AI Act – Chatbots und Voice-Agents müssen offenlegen, dass man mit einer KI spricht. Die Hochrisiko-Pflichten (Annex III) wurden per „Digital Omnibus" voraussichtlich auf Dezember 2027 verschoben, doch die Transparenzpflicht ist real und trifft gleich zwei Modelle der Liste.
4. Die 14 Wege, neu gewichtet
Die folgende Tabelle stellt Schmeddings Stufe unserer Gewichtung gegenüber. „Souveränität" beurteilt, wie gut sich das Modell auf eigener bzw. europäischer Infrastruktur umsetzen lässt.
| Geschäftsmodell | Schmedding | FL-Pro-Gewichtung | Souveränität |
|---|---|---|---|
| RAG & Wissensmanagement | Gut | Top | hoch (voll on-prem möglich) |
| Workflow-Automatisierung | Gut | Top | hoch (n8n self-hosted) |
| Corporate-LLM-Setups | Top | Top | hoch – wenn mit EU-/lokalem Modell |
| KI-App-Entwicklung | Top | Top* | niedrig (US-Tools = CLOUD Act; EU-/lokales Modell nötig) |
| KI-Beratung & Audits | Top | Gut–Top | neutral (beratend) |
| KI-Voice-Agents | Gut | Gut | mittel (Telefoniedaten sensibel) |
| KI-Videoerstellung | Top | Gut | niedrig (US-/CN-Videomodelle) |
| Personal-AI-Assistants | Top | Gut* | niedrig ohne Sandbox/EU-Modell |
| Microsoft-Copilot-Tuning | Gut | Mittel | niedrig (vertieft MS-Lock-in) |
| KI-Webdesign | Mittel | Mittel | mittel |
| KI-Copywriting | Mittel | Mittel | neutral |
| Faceless YouTube/TikTok | Flop | Flop | – |
| KI-Trading-Bots | Flop | Flop | – |
| KI-E-Commerce-Shops | Flop | Flop | – |
| Website-Chatbots (solo) | Flop | Flop | – |
*Stern = grundsätzlich Top-Potenzial, aber mit Souveränitäts- oder Machbarkeits-Vorbehalt (siehe unten).
5. Wo wir zustimmen – und wo wir anders gewichten
Die unscheinbaren Gewinner: RAG, Wissensmanagement und Automatisierung
Schmedding ordnet RAG-/Wissensmanagement-Systeme und Workflow-Automatisierung als „gut" ein. Aus Souveränitäts-Sicht sind das die beiden stärksten Modelle der ganzen Liste – wir heben sie nach oben. Der Grund: Beide lassen sich vollständig auf eigener Infrastruktur umsetzen. Eine Vektordatenbank mit lokal laufendem Embedding-Modell, ein selbstgehostetes n8n hinter dem eigenen Reverse-Proxy – hier verlässt kein sensibles Dokument das Haus. Sie sind das Fundament, auf dem alle anderen Projekte aufsetzen (auch ein Voice-Agent braucht zuerst aufbereitetes Wissen), sie altern langsam, und die Automatisierung ist zugleich der ehrlichste Einsteigerpfad: ein einziger Nischen-Workflow, beim ersten Kunden mühsam, danach beliebig replizierbar. Genau das ist die FL-Pro-Kernlane.
Corporate-LLM-Setups: richtig erkannt, aber souverän zu Ende gedacht
Hier sind wir uns mit Schmedding einig, dass dies ein Top-Modell ist – und ergänzen den entscheidenden Halbsatz. Schmedding rahmt das sichere Unternehmens-Workspace „DSGVO-konform" über eine Partnerlösung mit US-Frontier-Modellen. Souverän zu Ende gedacht heißt aber: Das eigentliche Differenzierungsmerkmal im deutschen Markt ist die Möglichkeit, europäische oder lokale Modelle (Mistral, OpenGPT-X) und eine mandantenfähige, DSGVO-feste Architektur anzubieten – statt nur einen hübschen Wrapper um ein US-Modell. Wer das kann, hat genau den Vorsprung, den Schmedding völlig zu Recht als „in den USA gar kein Thema" beschreibt.
Die US-Tool-Abhängigkeit der „Top"-Modelle
Drei von Schmeddings Top-Modellen – KI-App-Entwicklung, Personal-AI-Assistants und in Teilen die Videoerstellung – sind hochprofitabel, stehen aber technisch auf US-Frontier-Tools (Claude Code, Codex, Antigravity, Frontier-Videomodelle). Das ist kein Ausschlusskriterium, aber ein Sternchen:
- KI-App-Entwicklung über Agentic Coding ist real lukrativ. Doch Claude Code und Codex routen Daten standardmäßig in die USA. Und der naheliegende Ausweg – diese Modelle über AWS Bedrock oder Google Vertex AI in einer EU-Region zu betreiben – schafft nur Daten-residenz, nicht Daten-souveränität: AWS und Google sind US-Konzerne und unterliegen dem US CLOUD Act, der US-Behörden den Zugriff auf die Daten erlauben kann – unabhängig davon, wo der Server physisch steht. Echte Souveränität entsteht erst mit europäischen Anbietern oder selbst gehosteten Modellen (Mistral on-premise, OpenGPT-X, Ollama). Für unkritische Projekte ist das egal – für Mittelständler mit sensiblem Code ist es genau der Unterschied, den man kennen und einpreisen sollte.
- Personal-AI-Assistants für Geschäftsführer sind ein faszinierender, noch leerer Markt. Aber Schmeddings eigenes Beispiel – Claude Code auf einem VPS, der per Telegram/Teams Zugriff auf die Unternehmensinfrastruktur bekommt – ist sicherheitstechnisch genau die Stelle, an der Sandbox, Least-Privilege und im Idealfall ein souveränes Modell den Unterschied zwischen „genial" und „Datenschutz-Albtraum" machen. Top-Potenzial, ja – aber nur mit sauberem, souveränem Setup.
- KI-Videoerstellung ist als Geschäft stark (vier- bis sechsstellige Filmbudgets, dünne Konkurrenz). Mit Souveränität hat es allerdings wenig zu tun; es ist im Kern eine Kreativagentur mit KI-Werkzeugen. Wir stufen es eine Stufe herab – nicht weil es schlechter verdient, sondern weil es außerhalb der Mittelstands-Souveränitäts-These liegt und hohe kreative Fachtiefe verlangt.
KI-Beratung: stärkstes Argument, ehrlichste Einschränkung
Schmeddings bestes Argument im ganzen Video betrifft die KI-Beratung: Unternehmen holen sich Berater nicht nur für das beste Wissen, sondern um Verantwortung auszulagern – ein Bedarf, der auch dann bleibt, wenn die KI selbst besser wird. Dem stimmen wir uneingeschränkt zu. Unsere einzige Ergänzung ist eine doppelte Realitätsprüfung: Erstens ist der Markt der generalistischen „KI-Agenturen" 2026 alles andere als leer – in Deutschland planen zwar rund 78 % der Unternehmen KI-Investitionen, aber nur 12 % wissen, wie; diese Lücke ist die Chance, doch sie zieht entsprechend viele Anbieter an. Schmeddings „Konkurrenz gering" gilt nur für echte Nischen mit echtem Handwerk. Zweitens ist das gerade kein Einsteigermodell: Es verlangt Vertrauen, Vertriebsstärke und Tiefe – die „absoluter Anfänger"-Verheißung des Titels trägt hier am wenigsten.
Voice-Agents und Chatbots: dazu kommt der AI Act
Voice-Agents (Schmedding: „gut") bewerten wir genauso – mit zwei Ergänzungen. Die Telefoniedaten sind hochsensibel, weshalb eine EU-/selbstgehostete Sprachverarbeitung (Speech-to-Text und Text-to-Speech) kein Nice-to-have ist. Und ab August 2026 gilt die AI-Act-Transparenzpflicht: Der Anrufer muss erfahren, dass er mit einer KI spricht. Wer das von Anfang an sauber baut, hat – wie Schmedding zu Recht sagt – wenig ernstzunehmende Konkurrenz, weil viele Anbieter schon an DSGVO scheitern. Dieselbe Transparenzpflicht macht die ohnehin schwachen Solo-Website-Chatbots (zu Recht „Flop") noch unattraktiver; ihren einzigen sinnvollen Platz haben sie eingebettet in ein Corporate-LLM – auch das sieht Schmedding richtig.
Microsoft-Copilot-Tuning: kurzfristig lukrativ, strategisch ein Bumerang
Schmeddings Bonus-Tipp ist datenseitig gut belegt: Microsoft 365 Copilot hat zwar Millionen bezahlte Seats, aber die tatsächliche Nutzung liegt bei nur rund 36 % – die Lücke zwischen „gekauft" und „genutzt" ist exakt die Beratungschance. Trotzdem stufen wir das Modell auf „mittel" herab: Jede Copilot-Optimierung vertieft die Abhängigkeit vom US-Ökosystem Microsoft – das genaue Gegenteil von Souveränität. Als schneller Umsatz okay; wer seine Kunden ernst nimmt, denkt eine europäische Ausstiegsoption gleich mit.
Die klaren Flops – volle Zustimmung
Bei Faceless-Kanälen, Trading-Bots, KI-E-Commerce für Quereinsteiger und Solo-Chatbots gibt es nichts zu relativieren: Schmeddings Flop-Urteile sind richtig. Geringe Marge, brutale Konkurrenz aus Asien bzw. von Plattform-Giganten, keine eigene Marke, keine Datenhoheit, keine Langlebigkeit. Finger weg – dem ist nichts hinzuzufügen.
6. Das Fazit aus zwei Perspektiven
Schmeddings Ranking ist als Markt-Landkarte verlässlich. Legt man die Souveränitäts-Brille darüber, verschiebt sich die Spitze: Die nachhaltigsten Modelle sind die, die Wert auf einer Infrastruktur schaffen, die der Kunde selbst besitzen kann – Wissensaufbereitung, Automatisierung und souverän gebaute Unternehmens-KI. Alles, was auf US-Frontier-Tools steht, bleibt lukrativ, trägt aber ein Souveränitäts-Sternchen.
Für den deutschen Mittelstand lassen sich daraus drei nüchterne Empfehlungen ableiten:
- Fang beim Fundament an. Datenaufbereitung (RAG) und Automatisierung sind die unspektakulärsten, aber souveränsten und einsteigerfreundlichsten Wege – und die Basis für alles Weitere.
- Bau souverän, wo es zählt. Bei allem, was sensible Daten berührt – Voice-Agents, Personal-Assistants, Corporate-LLM – entscheidet die Architektur (EU-/lokale Modelle, Sandbox, On-Premise) über Wert und Risiko. Das ist verkaufbar als Vorsprung, nicht als Kostenfaktor.
- Nimm die Einsteiger-Verheißung mit Augenmaß. Die Top-Modelle verdienen top, weil sie Fachtiefe verlangen. „Auch als absoluter Anfänger" stimmt für den Einstieg (Automatisierung, Webdesign) – nicht für die Königsklasse.
Schmeddings Video bleibt eine klare Empfehlung – ihm fehlt nichts, es beantwortet seine Frage vollständig. Es zeigt ehrlich, wo das Geld ist. Wir legen nur einen zweiten Blick daneben: wo davon das Geld liegt, das man auch in fünf Jahren noch souverän in der Hand hält.
Quelle / Ursprung dieses Beitrags: Leonard Schmedding (Everlast AI): „Die 14 Wege mit KI Geld zu verdienen (auch als absoluter Anfänger)" – YouTube, 6. Juni 2026.
Weiterführende Belege (Stand 23. Juni 2026): Souveräne EU-LLMs 2026 (Mistral, Teuken/OpenGPT-X) · On-Premise-LLM & DSGVO-Guide · Claude Enterprise: EU-Datenresidenz nur via Bedrock/Vertex · Microsoft-365-Copilot-Adoption 2026 · EU AI Act – Transparenzpflicht ab August 2026 (Art. 50) · KI-Markt & Agentur-Sättigung Deutschland
